Ein deutliches Zeichen der Ablehnung setzen
Marius Reiser über die Entscheidung, seine Professur aus Protest gegen die Veränderungen der Universitäten durch den Bologna-Prozess niederzulegen
Marius Reiser, seit 1991 Lehrstuhlinhaber für Neues Testament an der Johannes Gutenberg Universität in Mainz, legt zum Ende des laufenden Semesters seine Professur nieder. Damit reagiert er auf die Veränderungen im Hochschulwesen in Folge des “Bologna-Prozesses”, wie er in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
schrieb.
Professor Reiser, was bewegt Sie dazu, Ihren Lehrstuhl zu räumen?
Marius Reiser: Ich bin nicht bereit, innerhalb des Systems mit dem Etikett “Bologna” zu arbeiten. Außerdem möchte ich mit meinem Schritt ein deutliches Zeichen der Ablehnung setzen. (…)
Was können Sie den Neuerungen positiv abgewinnen?
Marius Reiser: Nichts. Alle sind sich einig, dass am alten System gewisse Reformen nötig gewesen wären, aber diese Reformen hätten ohne großen Aufwand jederzeit durchgeführt werden können. (…)
Wenn sich die Veränderungen der Hochschullandschaft derartig negativ auswirken, warum ist der Widerstand – sowohl von studentischer Seite, als auch von den Lehrenden – gegen sie derart gering?
Marius Reiser: Professoren haben wenig Alternativen zu ihrem Beruf. Viele haben eine Familie zu versorgen. Und vielen fehlt die Phantasie, um sich richtig auszumalen, was das neue System tatsächlich mit sich bringt und welche Folgen es auch gesamtkulturell nach sich ziehen muss. Wer wird in dem neuen System noch viele Bücher kaufen wollen? Und wozu brauchen wir dann noch eine Universitätsbibliothek? Bei den Studierenden ist vermutlich der Leidensdruck noch nicht hoch genug.
Was müsste an der gegenwärtigen Situation geändert werden, um Sie davon zu überzeugen, Ihre Professur nicht aufzugeben?
Marius Reiser: Der Bologna-Prozeß müsste gestoppt werden. Statt dessen müssten mäßige Reformen des alten und bewährten Systems anvisiert werden.
Auszüge aus: telepolis



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